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Sorgentelefon für Jugendliche: Darüber reden hilft

Wenn Jugendliche und Kinder anonym über ihre Probleme sprechen können, löst sich manchmal ein Knoten. Mehr als 200.000 nutzen pro Jahr das Angebot in Deutschland


Verzweifelt: Die Telefonseelsorge kann Hilfe bringen

"Hallo, hier ist die Nummer gegen Kummer, ich bin die Ina“, meldet sich Ina Gerber. Die 14-jährige Lena am anderen Ende weiß nicht, wie sie beginnen soll. „Lass dir Zeit, und überlege, wo du einsteigen willst“, ermuntert die Beraterin sie.

Und so fängt die Jugendliche damit an, dass ein Bild im Internet kursiert, das sie als Elfjährige im knappen Badehöschen zeigt. Ihre beste Freundin, mit der sie sich kürzlich zerstritten hatte, lud das Foto bei dem Freundesnetzwerk Lokalisten hoch. Seitdem wird es dort unter den Schulkameraden weitergereicht. „Das ist mir entsetzlich peinlich, und ich fühle mich total hilflos. Was kann ich tun?“


Mehr als 200.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland wählen pro Jahr die gebührenfreie Nummer. Viele von ihnen reden mit einem der knapp 4000 ehrenamtlich arbeitenden Berater ausführlich über ihre Sorgen und Ängste. Im Schutz der Anonymität – auch Ina Gerber heißt eigentlich anders – lässt sich aussprechen, was zuvor nicht möglich war.

„Dabei machen die Kinder und Jugendlichen die Erfahrung, dass das guttut“, sagt Beate Friese vom Dachverband der Nummer gegen Kummer in Wuppertal. Immer häufiger greifen auch Jungen zum Telefon. „Während der Anteil männlicher Anrufer im Jahr 2000 nur rund 25 Prozent ausmachte, stieg er inzwischen auf knapp 40 Prozent“, sagt Friese.

Bei Jungen geht es häufig um das „erste Mal“, aber auch um sexuelle Neigungen und insbesondere sexuelle Praktiken. „Ein wenig provokant fragen manche: Was ist denn Sex? Wie geht das eigentlich?“, berichtet Gerber. Weil alle Berater intensiv geschult wurden, bevor sie ans Telefon kommen, informieren sie sachlich darüber. „Nicht selten entwickelt sich daraus ein gutes Gespräch, das weit über den Austausch von Fakten hinausgeht“, schildert die 26-Jährige.

Bei Mädchen stehen Liebeskummer und Partnerschaft an erster Stelle. Daneben spielen für beide Geschlechter das Aussehen, fehlendes Selbstvertrauen und das Gefühl tiefer Einsamkeit eine wichtige Rolle.

Den Sinn des Lebens suchen

Aber auch über Regeln und Verbote der Eltern wollen viele reden. Besondere Anrufe gibt es um Weihnachten. „In der eher nachdenklichen Zeit machen sich Kinder und Jugendliche mehr Gedanken um ihre Familie und richtige Freunde und fragen nach dem Sinn des Lebens“, erzählt Gerber. Gemeinsam werden Strategien entwickelt – im besten Fall findet der Anrufer selbst geeignete Lösungen für sein Problem.

In den Gesprächen merken die Ehrenamtlichen, wie sich die Nöte über die Jahre hinweg verändern. „So kommt neben dem Mobbing in Schulklassen immer häufiger Cybermobbing im Netz zur Sprache, also das, was mit Lena passiert ist“, sagt Gerber. Fortbildungen machen die Berater fit für solche neuen Themen. Weiterbildung ebenso wie Supervision sind für jeden Berater Pflicht.

„Bei der Supervision tragen die Teilnehmer konkrete Fälle vor, um in der Gruppe zu klären, welche weiteren Möglichkeiten es bei den Gesprächen gegeben hätte“, sagt der Diplom-Psychologe Jürgen Wolf aus München. Manchmal spielen die Berater ein Telefonat erneut durch. „So kann jeder seine Eindrücke mitteilen und seine Ideen einbringen“, sagt Wolf.

Weil Jugendliche viel Zeit im Netz verbringen, können sie sich auch dort per E-Mail von der Nummer gegen Kummer anonym beraten lassen. Sie nutzen dieses Medium verstärkt bei schwerwiegenden Problemen wie Gewalt und sexueller Missbrauch. „Viele schreiben, dass sie nicht darüber reden möchten, sondern es dieser E-Mail wie einem Tagebuch anvertrauen. Offensichtlich fällt das leichter“, vermutet E-Mail-Beraterin Beate Friese.

Auch Eltern brauchen Unterstützung

Seit zehn Jahren gibt es bei der Nummer gegen Kummer ein Elterntelefon, speziell zu Erziehungsfragen und Elternschaft. Meist rufen Mütter an. „Ihr Problemspektrum ist sehr breit. Es reicht vom Säugling, der vermeintlich nicht ausreichend schläft, bis hin zum 28-jährigen Sohn, der nicht ausziehen will“, erklärt Kirstin Dawin vom Kinderschutzbund München.

Lena war froh, als sie hörte, dass niemand anders als sie selbst die Rechte an ihrem Bild besitzt. Sie entschied sich, dem Betreiber der Website zu schreiben, er solle das Foto herausnehmen. „Gerade bei Communities wie Facebook und Lokalisten geht das schnell“, sagt Gerber. Sie fährt fort: „Im weiteren Gespräch konnte Lena das, was passiert war, relativieren. In ihrer Klasse wollte sie anregen, darüber zu diskutieren, wie die virtuelle Welt des Internets auch im richtigen Leben verletzen kann.“


Nummer gegen Kummer:

  • Kinder- und Jugendtelefon

08 00/1 11 03 33 und 08 00/11 61 11, Mo. bis Sa. von 14 bis 20 Uhr

E-Mail-Beratung im Internet unter: www.nummergegenkummer.de

  • Elterntelefon

08 00/111 05 50, Mo. bis Fr. von 9 bis 11 Uhr sowie Di. und Do. von 17 bis 19 Uhr.

  • Telefonseelsorge

Rund um die Uhr sind die Berater unter 08 00/1 11 01 11 und 08 00/1 11 02 22 erreichbar, im Netz unter www.telefonseelsorge.de



Christine Wolfrum / Apotheken Umschau; 13.02.2012
Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto

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